Von Peter Singer, übersetzt von Frauke Girus-Nowoczyn
Als ich ein Kind war, nahm mich mein Vater immer zu Spaziergängen mit, oft am Fluss entlang oder am Meer. Wir kamen an Anglern vorbei, die vielleicht gerade ihre Angel mit einem kämpfenden Fisch am Ende einholten. Einmal sah ich einen Mann, der einen kleinen Fisch aus einem Eimer nahm, um ihn noch zappelnd auf einen leeren Haken zu spießen und ihn als Köder zu verwenden.
Ein anderes Mal, als unser Weg entlang eines ruhigen Stroms führte, sah ich einen Mann am Ufer sitzen und seine Angel beobachten, anscheinend im Frieden mit sich und der Welt, währen neben ihm die Fische, die er bereits gefangen hatte, hilflos zappelten und nach Luft schnappten. Mein Vater sagte, dass er nicht verstehen könne, wie jemand sich daran freuen könne, seinen Nachmittag damit zu verbringen, Fische aus dem Wasser zu ziehen und sie draußen langsam sterben zu lassen.
Diese Kindheitserinnerungen kamen zurück als ich Worse Things Happen at Sea: the Welfare of Wild-caught Fish [wörtl.: 'Schlimmeres geschieht auf dem Meer: wie es freilebenden Fischen ergeht, die gefangen werden'] las, einen bahnbrechenden Bericht, der vorigen Monat auf fishcount.org.uk. veröffentlicht wurde. Fast überall auf der Welt gilt es als normal, dass Tiere, wenn sie zu Nahrungszwecken getötet werden, möglichst leidensfrei getötet werden sollen. Schlachtregeln beinhalten im Allgemeinen, dass die Tiere sofort bewusstlos sein müssen, bevor sie getötet werden, oder dass der Tod augenblicklich erfolgen muss, oder im Fall rituellen Schlachtens, dass der Tod so schnell erfolgen möge, wie es die religiöse Doktrin zulässt.
Das gilt nicht für Fische. Es gibt keine “humanen” Schlachtbedingungen für frei lebende Fische, die im Meer gefangen und getötet werden, auch für Zuchtfische existiert so etwas eher nicht. Fische, die von Fischdampfern gefangen werden, werden an Bord gehievt und man lässt sie dort ersticken. Sie lebend als Köder auf Angelhaken zu spießen ist eine gängige Praxis: Bei der Langleinenfischerei zum Beispiel gibt es Hunderte oder Tausende Haken an einer einzigen Leine, die 50 bis 100 Km

Ein Hering gefangen im Netz eines Schottischen Fischdampfers.
lang sein kann. Fische, die den Köder annehmen, können viele Stunden lang am Haken hängen, bevor die Leine eingeholt wird.
Die kommerzielle Fischerei verwendet häufig Stellnetze – Wände aus feinen Netzen, in denen die Fische sich verheddern, oft mit den Kiemen hängen bleiben. Sie können darin ersticken, weil sie durch die verhedderten Kiemen nicht mehr atmen können. Wenn nicht, bleiben sie doch stundenlang gefangen, bevor die Netze eingeholt werden.
Die überraschendste Enthüllung dieses Berichts ist jedoch die atemberaubende Anzahl von Fischen, denen Menschen diese Todesarten zumuten. Indem sie die Tonnagen aus den Fangberichten den verschiedenen gefangenen Fischarten zuordnete und sie durch das Durchschnittsgewicht jeder Fischart teilte, erstellte Alison Mood, die Autorin des Berichts, die vermutlich erste systematische Schätzung der Anzahl weltweit gefangener frei lebender Fische. Es handelt sich ihren Berechnungen nach um eine Trillion [1.000.000.000.000.000.000], es könnten aber auch bis zu 2,7 Trillionen sein.
Betrachten wir dies einmal anders: die United Nations Food and Agriculture Organisation [Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen] schätzt, dass etwa 60 Milliarden Tiere jährlich zum menschlichen Verzehr getötet werden – das entspricht etwa neun Tieren pro menschlichem Wesen auf unserem Planeten. Wenn wir von Moods niedrigerer Schätzung von einer Trillion ausgehen, entspricht die Anzahl der gefangen Fische pro Kopf 150. Das beinhaltet noch nicht die Milliarden Fische, die illegal gefangen werden, auch nicht die Fische, die ungewollt als Beifang gefangen und weggeworfen werden und auch die Fische, die als Köder auf Haken gespießt werden zählen dabei nicht.
Viele dieser Fische werden indirekt verzehrt – gemahlen als Fischmehl landen sie in der Massentierhaltung bei Hühnern oder Fischen. Eine durchschnittliche Lachsfarm verbraucht 3-4 Kg freilebender Fische für jedes Kilogramm Lachs, das sie produziert.
Nehmen wir einmal an, all dieser Fischfang wäre nachhaltig, was er natürlich nicht ist. Es wäre dann doch beruhigend zu glauben, dass das Töten in solch einem riesigen Ausmaß nicht schlimm ist, weil Fische keinen Schmerz empfinden. Aber das Nervensystem der Fische ähnelt dem von Vögeln und Säugetieren genug, um annehmen zu lassen, dass dem doch so ist. Wenn Fische etwas erleben, das anderen Tieren körperliche Schmerzen zufügt, verhalten sie sich auf eine Weise, die Schmerz vermuten lässt und die Veränderung in ihrem Verhalten kann mehrere Stunden lang anhalten. Es ist ein Mythos, dass Fische ein kurzes Gedächtnis haben. Fische lernen, unangenehme Erfahrungen zu vermeiden, wie z.B. Elektroschocks. Schmerzstillende Medikamente verringern die Schmerzsymptome, die sie sonst zeigen.
Victoria Braithwaite, Professorin für Fischerei und Biologie an der Pennsylvania State University, hat vermutlich mehr Zeit auf die Erforschung dieses Themas verwendet als je ein anderer Wissenschaftler zuvor. Ihr kürzlich erschienenes Buch Do Fish Feel Pain? [Empfinden Fische Schmerz?] zeigt, dass Fische nicht nur Schmerz empfinden können, sondern sogar viel klüger sind, als die meisten Menschen glauben. Im letzten Jahr erklärte eine wissenschaftliche Kommission der EU, dass ausreichend Beweise dafür vorliegen, dass Fische Schmerz empfinden.
Warum sind Fische die vergessenen Opfer auf unseren Tellern? Ist es, weil ihr Blut kalt ist und sie von Schuppen bedeckt sind? Ist es, weil sie ihrem Schmerz keine Stimme verleihen können? Aus welchem Grund auch immer, die Beweise häufen sich, dass kommerzieller Fischfang unvorstellbare Schmerzen und Leiden verursacht. Wir müssen lernen, freilebende Fische auf humane Art zu fangen und zu töten – oder, wenn das nicht möglich ist, weniger grausame und nachhaltigere Alternativen für ihren Verzehr finden.
Originaltext

Peter Singer
Peter Singer ist Professor für Bioethik an der Princeton University und Preisträger der Universität von Melbourne. Sein bekanntestes Buch ist wohl Animal Liberation – Die Befreiung der Tiere aus den 70er Jahren. Neuere Bücher sind Praktische Ethik und in diesem Jahr wurde Leben Retten – Wie sich die Armut abschaffen lässt und warum wir es nicht tun veröffentlicht.